Wenn die Mikrowelle den WLAN-Empfang ausbremst: Forschende spüren elektromagnetische Störquellen auf

Ein Phänomen, das vielen bekannt ist: Das Internetradio bringt Pop- und Rock-Klassiker über WLAN direkt in die heimische Küche und sorgt mit beschwingten Rhythmen für gute Laune. Das Kochen geht gleich viel leichter von der Hand und in kürzester Zeit steht das Lieblingsgericht auf dem Tisch. Doch kaum gesellt sich mit der Mikrowelle ein weiterer Küchenhelfer hinzu, wird der ausgelassene Musikgenuss getrübt: Unangenehmes Rauschen beeinträchtigt die volle und kristallklare Klangqualität. Störsignale wie diese werden durch elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder verursacht und können selbst modernste Geräte »in die Knie zwingen«. Als Folgen drohen nicht nur ein Versagen innovativer Technik, sondern auch dramatische Sicherheitsrisiken – und das für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Das Fraunhofer ENAS mit seiner Außenstelle an der Universität Paderborn widmet sich genau dieser Herausforderung: Es spürt elektromagnetische Fehlerquellen auf und macht Hightech-Technologien zuverlässig und smart.

Entdeckt und nachgewiesen im 19. Jahrhundert durch die Physiker James Clerk Maxwell und Heinrich Hertz handelt es sich bei elektromagnetischen Feldern (EMF) um physikalische Kraftfelder, die durch ein Zusammenspiel elektrischer und magnetischer Felder entstehen. 

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Gelegentlich kein gutes Team: Elektromagnetische Felder von Küchengeräten, wie der Mikrowelle, können die Funktion anderer elektronischer Geräte im Haushalt erheblich stören, zum Beispiel den Empfang von Internetradio über WLAN auf dem Smartphone oder Tablet.

»Ein anschauliches Beispiel für diese physikalischen Gesetzmäßigkeiten ist der Betrieb einer Mikrowelle. Wird das Gerät mit einer Steckdose verbunden, an der die Netzspannung anliegt, ist ein elektrisches Feld vorhanden. Sobald die Mikrowelle eingeschaltet wird und Strom fließt, sich also elektrisch geladene Teilchen durch den stromdurchflossenen Leiter bewegen, entsteht durch diese Bewegung ein magnetisches Feld. Wirken diese beiden Felder zusammen, entsteht ein elektromagnetisches Feld, das sich wellenförmig im Raum ausbreitet. Vergleichen lässt sich dieses Phänomen am besten mit einem Stein, der ins Wasser fällt. So, wie sich die dadurch entstehenden Wellen an der Wasseroberfläche ausbreiten, verhalten sich elektromagnetische Felder im Raum. Auch sie breiten sich wellenförmig aus und können, um beim Beispiel der Mikrowelle zu bleiben, unter anderem den WLAN-Empfang von Smartphone oder Tablet beeinträchtigen«, erläutert Dominik Schröder, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand in der Abteilung »Smart Wireless Systems«, der sich am Fraunhofer ENAS am Standort Paderborn mit elektromagnetischen Feldern beschäftigt.

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Immer dabei: Mit dem Smartphone jederzeit telefonieren, Musik streamen oder Fotos mit Freunden und Familie austauschen. Durch die Nutzung des Smartphones und vieler anderer elektrischer und elektronischer Alltagshelfer entstehen elektromagnetische Felder.
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Blitzgewaltig: Elektromagnetische Felder natürlichen Ursprungs kommen beispielsweise bei Gewittern vor, wenn Blitze den Himmel erhellen. Sie sind in der Lage, modernste Elektronik durch Überspannungsschäden erheblich zu beeinträchtigen.

Allgegenwärtig: Umgeben von elektromagnetischen Feldern

Das Auftreten von elektromagnetischen Feldern ist jedoch nicht allein auf Wohnumgebungen beschränkt. Täglich und überall sind wir von ihnen umgeben: »Im Büro nutzen wir ganz selbstverständlich WLAN, um schnell Informationen im Internet zu recherchieren oder uns mit unseren Kolleginnen und Kollegen über Webkonferenzen auszutauschen. Unterwegs sind wir dank unseres Smartphones als mobiler Begleiter jederzeit telefonisch erreichbar oder hören über Bluetooth-Kopfhörer Musik. Im medizinischen Bereich werden mithilfe von Magnetresonanztomografien (MRT) innere Strukturen des menschlichen Körpers sichtbar gemacht und Krankheiten aufgespürt. Aber eben auch in unseren eigenen vier Wänden kommen elektromagnetische Felder vor – ganz gleich ob beim Wäsche waschen, beim Radiohören oder bei der Nutzung der Mikrowelle«, so der Wissenschaftler. 

Elektromagnetische Felder sind jedoch nicht nur auf anthropogene und damit künstlich vom Menschen erzeugte Quellen beschränkt. Auch in der Natur treten die physikalischen Kraftfelder auf. Kommt es bei einem Gewitter zum Beispiel zu einer elektrischen Entladung, erzeugt der so entstehende Blitz einen elektromagnetischen Impuls, der sich als Welle ausbreitet. Das Magnetfeld der Erde ist ein weiteres typisches Beispiel für ein solches, natürlich vorkommendes Feld, das vor kosmischer Strahlung aus dem Weltall schützt.

»Doch nicht nur in großen Dimensionen, sondern auch auf kleinster Skala entstehen elektromagnetische Felder. Auf einem einzigen Halbleiterchip sind beispielsweise mehrere Milliarden Transistoren verbaut. Ohne sie wäre unsere moderne technologisierte Welt nicht funktionsfähig. Wirken ihre einzelnen elektromagnetischen Felder jedoch nicht harmonisch zusammen, sondern stören sich gegenseitig, entsteht ein Dilemma«, erläutert der Fraunhofer-Forscher. 

Nicht sichtbar, aber real: Störende elektromagnetische Felder messtechnisch ausfindig machen

Genau das sei eine der großen Herausforderungen beim Einsatz modernster Technologien: Denn treffen die sich ausbreitenden elektromagnetischen Wellen eines Bauteils auf Wellen anderer elektrischer oder elektronischer Geräte und damit auf weitere elektromagnetische Felder, kann durch Überlagerung ein erhöhter Störimpuls entstehen. Bemerkbar macht sich dieser Störimpuls, der auch als unerwünschte elektromagnetische Kopplung oder Interferenz bezeichnet wird, beispielsweise als Rauschen im Radio, auf dem Tablet oder in Kopfhörern.

Gefährlich wird es, wenn ganze Systeme durch derartige Störquellen in ihrer Funktion eingeschränkt werden oder gänzlich zum Erliegen kommen. »Im Fahrzeug beispielsweise spielt eine Vielzahl von Komponenten zusammen, um unsere Sicherheit und die von Fußgängern mithilfe von Fahrerassistenzsystemen zu gewährleisten. Kommt es zu einer Störung infolge unerwünschter elektromagnetischer Interferenzen, könnten Bremsassistenten in ihrer Funktion beeinträchtigt werden, so dass ein Bremsvorgang nicht ordnungsgemäß eingeleitet wird – mit fatalen Folgen für andere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Ein ähnliches Phänomen ist auch aus dem Luftverkehr bekannt: Mobiltelefone sind beim Start- und Landemanöver auszuschalten, um unerwünschte Störungen der empfindlichen Bordelektronik, wie Navigationssysteme, und damit Risiken für die Passagiere zu vermeiden«, so der Forscher.

Damit genau das nicht passiert, spüren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Fraunhofer ENAS am Standort in Paderborn derartige Fehlerquellen auf, die zu risikobehafteten Störimpulsen führen können. Dabei haben sie sowohl Störfaktoren zwischen verschiedenen elektrischen und elektronischen Objekten im Blick als auch innerhalb eines geschlossenen Systems. Denn im Zuge der voranschreitenden Miniaturisierung von Systemen werden auf immer kleinerem Bauraum immer mehr Komponenten angeordnet. Diese fortschreitende Verdichtung und Komplexität erhöhen die Störanfälligkeit des Gesamtsystems infolge von ungünstigen Interferenzen deutlich.

Unterstützt wird die Ermittlungsarbeit der Forschenden durch den in Paderborn entwickelten Nahfeldscanner. Er ist in der Lage, berührungslos, automatisiert und äußerst präzise vor allem starke, aber auch schwache und unscheinbare Störfelder in unmittelbarer Nähe der Störquelle, im sogenannten Nahfeld, aufzuspüren und sie strukturiert und übersichtlich darzustellen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überwinden auf diese Weise Hürden bestehender Untersuchungsmethoden: »Etablierte Testverfahren und Lösungsansätze zum Identifizieren von Störquellen arbeiten häufig nach dem ›Trial-and-Error‹-Prinzip und sind sehr langwierig, teuer und zeitaufwändig. Unklar bleibt am Ende, ob die Ursachensuche mithilfe funktionaler Experimente zu einem aussagekräftigen Ergebnis führt. Immer neue Redesigns des Produkts sind in der Entwicklungs- und Designphase von Technologien nötig, um Fehler als Quelle unerwünschter Kraftfelder zu eliminieren. Die dabei entstehenden neuen Geometrien oder Anordnungen einzelner Komponenten bergen wiederrum Potentiale für neue unbeabsichtigte Fehler – das kostet unnötig Zeit und stellt ein großes Hindernis bei der Markteinführung von Produkten dar«, erklärt Dr. Christian Hedayat, Leiter der Abteilung »Smart Wireless Systems« am Fraunhofer ENAS.

Dieser Prozess wird durch die Nahfeldscanner-Technologie der Fraunhofer-Forschenden deutlich beschleunigt: Fehlerquellen lassen sich mit ihrer Hilfe exakt ermitteln und im Bauteil präzise lokalisieren. Hierzu setzen die Forschenden auf den von ihnen entwickelten Nahfeldscanner NFS3000. Mit diesem lassen sich elektromagnetische Felder im Bereich von 0 Hz bis 90 GHz und damit niederfrequente sowie hochfrequente Felder lokal aufgelöst von wenigen Millimetern bis Zentimetern über dem Testobjekt sichtbar machen. Das Positioniersystem des NFS3000 erlaubt mit seinem räumlichen Messbereich von 50 Zentimetern x 80 Zentimetern x 50 Zentimetern Messobjekte auf Waferlevel und Komponentenebene zu untersuchen, aber auch komplette Elektrogeräte, Antennen- oder Radartechnologien zu vermessen.

»Für diese Messungen setzen wir spezialisierte Nahfeldsonden ein. Sie werden mit einer Positioniergenauigkeit von einem Mikrometer über das Messobjekt bewegt und scannen das zu testende Bauteil hochgenau und in jede Raumrichtung (x-, y- und z-Richtung). Wird für das Messobjekt, einen speziellen Anwendungsfall oder Frequenzbereich eine noch spezialisiertere Sonde benötigt, entwickeln wir diese auch gemeinsam mit unseren Kunden«, erklärt Christian Hedayat.

© Fraunhofer ENAS
Der Nahfeldscanner des Fraunhofer ENAS macht sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen bleibt: Elektromagnetische Felder, die beispielsweise von Bauteilen erzeugt werden und ganze Systeme in ihrer Funktion beeinträchtigen können. Das Bild zeigt eine elektromagnetische Feldsimulation mit Nahfeldmessdaten kombiniert. Auf der linken Seite befindet sich die gemessene Störquelle; rechts eine beispielhafte Störsenke. Rot dargestellt sind Bereiche, die potentiell verstärkt EMV-Probleme bereiten können.

Als Ergebnis dieser Messungen entsteht ein farbiges und räumlich abgetastetes Feldbild des Messobjekts. Konstrukteurinnen und Konstrukteure erhalten mit dieser 2D- oder 3D-Darstellung des Bauteils konkrete Hinweise auf starke elektromagnetische Felder mit großem Störpotential, die eine Fehlerkorrektur im Design des Bauteils erfordern. Durch die gezielte Ursachenforschung und unmittelbare Designanpassung können wertvolle Materialressourcen geschont sowie Zeit im Design- und Entwicklungsprozess eingespart werden.

Das Feldbild offenbart somit Fehler- und Störquellen und gibt so Hinweise auf die elektromagnetische Verträglichkeit des Systems, die sogenannte EMV (Electromagnetic Compatibility, EMC). Sie beschreibt das harmonische Zusammenspiel verschiedener elektrischer und elektronischer Systeme und Geräte ohne unerwünschte elektromagnetische Störungen. 

»Hersteller von elektrischen oder elektronischen Lösungen sind gesetzlich verpflichtet, die EMV ihrer Produkte vor Markteintritt zu gewährleisten. Die Einhaltung dieser verpflichtenden EU-Richtlinien wird unter anderem über die CE-Kennzeichnung (Conformité Européenne oder Europäische Konformität) bestätigt. Ein frühzeitiges Mitdenken der EMV und das Ausschließen risikobehafteter elektromagnetischer Störungen von Anfang an, ist unverzichtbar und kann unnötige Kosten sparen. Genau hier können wir als Fraunhofer ENAS Hersteller unterstützen und sie auf dem Weg zur Bewertung der CE-Konformität begleiten«, ist Christian Hedayat überzeugt.

Elektromagnetische Feldsimulation: Künstliche Modellierung von Kraftfeldern

Neben der Nahfeldmessung an physischen Komponenten, Bauteilen und Systemen mithilfe des Nahfeldscanners, setzen die Paderborner Forschenden auf elektromagnetische Feldsimulationen. Diese modellieren elektrische und elektronische Objekte digital und simulieren computergestützt ihre physikalischen Kraftfelder.

Diese Modellierung erlaubt es, unterschiedliche Geometrien und Designmöglichkeiten des Messobjekts virtuell zu testen und die Auswirkungen dieser Parameteränderungen auf die EMV zu messen. Das unterstütze, so Christian Hedayat, Entwicklungsingenieurinnen und -ingenieure bei der Realisierung neuer Produkte. Nachbesserungen können unmittelbar in den Design- und Entwicklungsprozess einfließen – ohne dass es eines physikalischen Prototypen bedarf. Durch dieses frühzeitige Erkennen von Störpotentialen können die Entwicklungskosten neuer Technologien – durch das Vermeiden immer neuer Prototypengenerationen – enorm gesenkt werden.

Während ihre Simulationen im Nahfeld das Auftreten elektromagnetischer Felder nah am Messobjekt künstlich imitieren, machen es mathematische Algorithmen möglich, auch das Verhalten elektromagnetischer Wellen im Raum, das heißt im Fernfeld, vorherzusagen. Exakt diese Ausbreitung der Welle ist es, die Störpotentiale durch die Überlagerung mit Feldern anderer Systeme oder Geräte verursachen kann.

»Unsere Simulationen ermöglichen es uns, auch den Einfluss der über die elektromagnetischen Felder transportierten Energie auf den menschlichen Körper vorherzusagen. Denn Hersteller von technologischen Lösungen sind gesetzlich verpflichtet, zulässige Grenzwerte einzuhalten und damit mögliche Gesundheitsrisiken durch Strahlenbelastungen auszuschließen. Die Einhaltung dieser EU-Vorgaben wird ebenfalls durch die CE-Kennzeichnung bestätigt und ist eine essentielle Marktzugangsvoraussetzung für neue Produkte«, so Dominik Schröder.

In Zukunft, so ist sich der Wissenschaftler sicher, könnten clevere KI-Algorithmen dazu beitragen, Mess- und Simulationsergebnisse noch schneller auszuwerten und darin automatisiert Muster für elektromagnetische Störungen zu erkennen. Mit Unterstützung von KI könnte die Entwicklung hochkomplexer elektronischer Hightech-Systeme noch einmal deutlich beschleunigt werden.

 

Kompaktes Angebot: Forschungs- und Entwicklungsleistungen im Bereich elektromagnetischer Detektion

Das Fraunhofer ENAS ist Ihr kompetenter und vertrauensvoller Partner für Forschungs-, Entwicklungs- und Messdienstleistungen auf dem Gebiet elektromagnetischer Felder.

Seinen Kunden bietet das Institut im Rahmen seines European Test and Reliability Centers (ETRC), Europas neuem Spitzenzentrum für Tests und Zuverlässigkeitsbewertungen, folgende Dienstleistungen an:

  • Mess- und Testdienstleistungen:
    • Nahfeldmessungen elektromagnetischer Felder bis 90 GHz für Anwendungen in der Chipindustrie, Kommunikations- und Unterhaltungselektronik, Radiotechnologie, Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt, Radartechnik oder im Bereich Internet of Things (IoT) zur
      • EMV-Charakterisierung und Fehlersuche
      • Fernfeldabschätzung aus Nahfeldmessungen
      • Generierung von Nahfeldquellen
      • berührungslosen Qualitäts- und Funktionsanalyse
    • (Mikro-) Magnetmessungen
  • Forschungs- und Entwicklungsleistungen:
    • Elektromagnetische Simulationen mit und ohne Nutzung von Nahfeld-Scanning-Ergebnissen
    • Nahfeld- und simulationsbasiertes EMV-Debugging
    • Entwicklung von Sonden für spezifische Anwendungen
    • Entwicklung kundenspezifischer Messwerkzeuge
    • begleitende Messungen der Produktentwicklung

Wenn auch Sie Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns haben und mehr über unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit erfahren möchten, dann nehmen Sie noch heute Kontakt mit unseren Expertinnen und Experten auf.

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